Honig

„Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Haken und Klemmen, mit deren Hilfe […] der Weg frei wird für die Einführung der Besamungskanüle in die Geschlechtswege. Gezeigt wird ein ganzes Sortiment verschiedener Häkchen und Pinzetten. […] Der klassische Löffelhaken aus der Vergangenheit wird auch gezeigt. Er hat aber den Nachteil, dass er leicht abrutscht […] Die Kanülenspritze wird rechts von der Vaginalöffnung angesetzt. Nach kurzem Eintauchen wird sie dann nach links bewegt und tiefer eingeführt. Es wird sozusagen eine Zickzackbewegung ausgeführt. […] wenn die Vaginalöffnung gut zu erkennen ist, so stellt die Einführung der Kanüle bis in den mittleren Eileiter kein Problem mehr da.[…] Wenn man nicht ganz sicher ist, sollte aber vor der Sameneingabe erst einmal die Kanülenspitze tiefer eingeführt und probiert werden, ob man richtig drin ist. Spannt das umliegende Gewebe, so wird lieber noch einmal neu angesetzt.“

Um welchen Vorgang mag es sich bei dieser Beschreibung wohl handeln? Kanülenspitze tief in die Vaginalöffnung einführen? Tatsächlich handelt es sich um eine Anleitung zur künstlichen Insemination von Honigbienenköniginnen. Verfasst von Susan Cobey, erhältlich bei Prof. Peter Schley, der stolz verkündet, dass diese Technik sich weltweit zunehmender Beliebtheit und Anerkennung erfreut (http://www.besamungsgeraet.de/__dt/). Manch einer atmet nun vielleicht erleichtert auf, da es sich ja nur um eine Biene handelt. Wer hat nicht schon einmal eine Mücke erschlagen, die einen nachts um den Schlaf brachte. Es ist ja nur ein Insekt. Doch was wissen wir eigentlich über das Schmerzempfinden von Insekten? Ist diese Behandlung der Königin ganz einerlei? Warum muss sie dann während dieser Prozedur mehrfach mit Kohlensäuregas ruhig gestellt werden? Und was ist mit den Samenspendern, die zur Spermiengewinnung zwischen zwei Fingern gequetscht werden müssen. „Der erste Schritt ist die noch unvollständige Ausstülpung [des Penis]. Sie erfolgt nach starkem Druck auf die Brust bis hin zum Zerquetschen. […] Mitunter platzen die Drohnen mit einem hörbaren ‚Knall’ auf“ (Cobey, Susan 2007, S.10), heißt es in der Anleitung.

Schulden wir nicht auch Insekten etwas mehr Mitgefühl? Im Jahr 2008 sind in Baden-Württemberg über 10.000 Bienenvölker an dem Insektizid Clothianidin zugrunde gegangen. Den Winter 2010 haben ein Viertel aller deutschen Bienen nicht überlebt. In den USA sind 80% aller Bienen verstorben. So genannte Bienen-Broker kutschieren die übrig gebliebenen Bienen nun durch das Land, um die Ernte der Bauern zu sichern. Auf diesen strapaziösen Transporten kommen weitere Bienen stressbedingt ums Leben. Wohin die Bienen sind, weiß in den USA niemand. In Deutschland lagen sie tot im Stock, in den USA sind sie einfach spurlos verschwunden und haben nur die Königin mit ihren Larven unversorgt zurückgelassen. Colony Collapse Disorder, nennt man das Phänomen dort (http://www.geo.de/GEO/natur/tierwelt/63398.html).

»Wenn die Biene von der Erde verschwindet, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben«, soll Albert Einstein gesagt haben. Tatsächlich hängen große Teile der weltweiten Landwirtschaft direkt von den Bienen ab. Für das massenweise Bienensterben kommen verschiedene Ursachen in Frage. Pestizide, Transportstress, durch Mangelernährung geschwächtes Immunsystem (als Ersatz für den entnommenen Honig geben Imker Zuckerwasser), Ausbreitung von Bienenschädlingen (Milben) durch den Klimawandel, Monokulturen in der Landwirtschaft, die die Nahrungssuche erschweren.

Über den Umgang mit Insekten sollte das Bienensterben uns einiges lehren, am besten ehe es zu spät ist. Mag sein, dass noch nicht erwiesen ist, dass Insekten Schmerzen empfinden wie wir. Doch bis in die 70er Jahre war auch noch nicht erwiesen, dass menschliche Säuglinge Schmerz empfinden. Es war daher in vielen Kliniken üblich, Säuglingen ohne Narkose die Mandeln zu entfernen (Rabenschlag, Ulrich 2001). Mit Schrecken stellte man später fest, dass die Wissenschaft sich geirrt hatte und das Schreien der Babys tatsächlich auf Schmerzen zurückzuführen war.

In jedem Insekt können wir zumindest den Willen zum Leben erkennen. Keine Ameise wird freiwillig auf unsere Kehrschaufel klettern, wenn wir sie aus der Küche entfernen wollen. Stattdessen wird sie versuchen, zu fliehen. Einzig und allein deswegen, weil sie leben will. Eine Spinne wird drohend ihre Beine anheben, um sich gegen uns zu wehren, obwohl sie angesichts unserer Größe nicht die geringste Überlebenschance hat. Und doch wird sie es versuchen. Einzig und allein, weil sie leben will. Und diesem Lebenswillen, der in allem steckt, sollten wir Respekt entgegenbringen. Wenn wir die Spinne oder andere Insekten auch nicht unbedingt so lieben können wie unseren Hund – respektieren und achten können wir sie doch. Und ehe wir nicht sicher sind, dass Bienen keine Schmerzen empfinden, dürfen wir sie nicht künstlich inseminieren.

Zwar können wir nicht leben, ganz ohne in der Natur auch Schaden anzurichten, aber wir müssen uns auch nicht mehr von der Natur nehmen, als wir wirklich brauchen. Und brauchen wir Honig? Nein. Brauchen wir den kurz gemähten Rasen vor dem Haus, auf dem Wildblumen wachsen und Bienen sich nähren könnten? Nein.

Brauchen wir die Bienen? Ja, unbedingt.

Was tun?

  • Lebensmittel aus biologischem Anbau bevorzugen, da hier keine Spritzmittel zum Einsatz kommen, die Bienen gefährden.

  • Wer einen Balkon oder Garten hat: Wildblumen anpflanzen, z.B. Borretsch, Ringelblume, Buchweizen, Kornblume etc. (bei Alnatura gibt es „Bienenschmaus“ eine Samenmischung mit idealen Nahrungspflanzen für Bienen; oder: „Bienenweide“, Mischung der Bingenheimer Saatgut AG).

  • „Bienenhotels“ aufstellen, damit Wildbienen wieder Nistplätze finden (z.B. hier erhältlich:http://www.kompostladen.de/shop/oxid.php/sid/3272ade9e8b158ac1fa2f30c58e74d85/cl/details/anid/d344bbb12b0d85dc3.83861270/Bienenhotel/).

  • Klimaschutz ist Bienenschutz. Bienenschädlinge wie die Varroa-Milbe konnten sich nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung wegen des besonders milden Frühjahrs 2009 stark vermehren, was das Sterben von bis zu 200.000 Völkern im Winter 2010 zur Folge hatte: „Weil der Frühling im vergangenen Jahr schon früh begann, konnte sich der Parasit gut vermehren.“ (http://www.sueddeutsche.de/wissen/bienensterben-in-deutschland-imker-ohne-volk-1.23433).

  • Weniger oder am besten gar kein Fleisch und keine Milchprodukte konsumieren. Viehfutter wird meist in Monokultur angebaut, z.B. Mais, Soja oder Getreide. In einer von Monokulturen geprägten Landwirtschaft finden Bienen immer weniger Nahrung. Stattdessen ist es empfehlenswert, den Speiseplan regional und möglichst vielseitig zu gestalten und hauptsächlich oder besser noch auschließlich pflanzliche Nahrungsmittel zu konsumieren.