Wurde in Freiburg das erste Tierversuchslabor der Welt errichtet?

Diese vielleicht überraschende Frage hat wohl durchaus ihre Berechtigung. Zwar erscheint es logisch, daß es schon vor längerer Zeit, nämlich vor über tausenden von Jahren, Versuche an lebenden Tieren gegeben haben muss. Aber das heißt nicht, daß das erste moderne Versuchslabor nicht ausgerechnet in Freiburg entstanden ist!

Während im Corpus Hippocratum noch kaum von Tierversuchen die Rede ist, war der griechische (heute süditalienische) Philosoph Alkmaion (6/5. JH v. Chr.) bereits für seine grausamen Experimente berüchtigt. Dieser führte Versuche an Affen und Schweinen durch und zeigte unter anderem die Verbindung der Sinnesorgane mit dem Gehirn auf.

Im 17. Jahrhundert machte sich vor allem der englische Arzt William Harvey mit seinen Experimenten zum Blutkreislauf (logischerweise am lebenden Tier) einen Namen.

Immer wieder genannt wird auch der Schweizer Albrecht von Haller, der im frühen 18. Jahrhundert anhand von Tierversuchen an 17 Tierarten die grundlegende Funktionsweise von Nerven beschreiben konnte. Haller wird auch deshalb oft in Rechtfertigungsbroschüren der Tierversuchslobby erwähnt, weil er angeblich die Grausamkeit seiner eigenen Versuche erkannte und verabscheute, sie aber trotzdem für ein höheres Ziel durchführen zu müssen glaubte.

Außerdem ein Klassiker unter den Tierversuchen: Luigi Galvanis 1780 durch Zufall entdeckte Reaktionen eines (toten) präparierten Froschschenkels ausgelöst durch Elektrizität, die er dann am lebenden Tier wiederholte.

Das erste experimental-physiologische Labor Deutschlands (und laut einigen Quellen auch der Welt) wurde dann im Jahr 1821 in Freiburg von Carl August Sig(is)mund Schultze errichtet (zuerst nachgewiesen von E.Th. Nauck). Damit ist nichts anderes als ein universitäres Institut gemeint, in dem Forschung und Lehre betrieben und welches nicht privat, sondern von der Gesellschaft (bzw. der Regierung) getragen wurde. Besonders zentral waren damals für Schultze die experimentellen Demonstrationen an Tieren.

Carl August Sigmund Schultze

Carl August Sigmund Schultze

In der Vorrede seines „Systematischen Lehrbuches“ von 1828 schreibt Schultze, er habe „so viel möglich, Thiere aus allen Ordnungen in der Vorlesungen zergliedert, mehr als 2000 physiologische Versuche in den letzten acht Jahren angestellt“.

Um ein paar Beispiele für Schultzes Praktiken zu nennen:

Nach Schultzes Versuchen bringt Verletzung des kleinen Gehirns vorzüglich Zuckungen der Muskeln und endlich Verlust der Bewegunstätigkeit hervor und ebenso verschwindet bei schichtenweiser Wegnahme des großen Gehirns nach und nach alle Tätigkeit der höheren Sinne ohne bedeutende Zeichen von Muskelreizung“ (zit. n. K.E. Rothschuh, Carl August Sigmund Schultze (1795-1877) und seine Vorlesungen über Experimentalphysiologie in Freiburg (1830), 352).

Ein anderes Beispiel für einen Freiburger Tierversuch:

Besonderes Interesse verdienen seine Versuche über die Folgen der Milzentfernung. Er trug darüber 1828 auf der Naturforschersammlung in Berlin vor. An 27 Tieren verschiedenen Alters wurde die Milz extirpiert. Alle Tiere überlebten den Eingriff. Ein Hund starb, dem vorher schon einmal die Vagusäste am Magen durchschnitten worden waren. Wesentliche Störungen im Befinden und in der Verdauungstätigkeit der Tiere wurden nicht gesehen. Doch meint Schultze beobachtet zu haben, daß die operierten Tiere später als die nicht operierten fruchtbar werden.“ (ebd., 353).

Lange Zeit wurde das Verdienst, das erste experimental-physiologische Laboratorium errichtet zu haben, dem Tschechen Jan Evangelista Purkyně zugeschrieben, nach dem etwa die Purkinje-Zellen und Purkinje-Fasern benannt wurden.

Schultze steht in fachlicher Hinsicht eindeutig in dessen Schatten, kann aber für sich beanspruchen, das erste Tierversuchslabor Deutschlands in Freiburg von der Großherzoglichen Badischen Regierung erhalten zu haben.

Es ist nämlich „beizupflichten, daß Schultzes Beiträge zur Experimentalphysiologie in keiner Weise mit denen Purkinjes verglichen werden können; daß er aber viel experimentierte und mikroskopierte, konnte hier genau belegt werden.“ (ebd., 357).

Mit diesem vielsagenden Zitat schließen wir den kleinen Exkurs in ein dunkles Kapitel, das noch längst nicht abgeschlossen ist. Auch in Zukunft wird sich mit Sicherheit sagen lassen, daß in Freiburg heute fleißig experimentiert und mikroskopiert wurde.

Literatur:

K. E. Rothschuh, Carl August Sigmund Schultze (1795-1877) und seine Vorlesungen über Experimentalphysiologie in Freiburg (1830), in: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Bd. 47, H. 3 (SEPTEMBER 1963), pp. 347-359